ES WAR SO SCHÖN SONNIG
Die Piaristengasse 9 in der Josefstadt, dem 8. Wiener Bezirk. Als wir uns am Nachmittag mit Christa Biron dort treffen, verstehe ich ihre Sehnsucht. Das von außen schlicht wirkende, grau verputzte Haus mit 60 bis 70 Zentimeter dicken Grundmauern aus dem Jahr 1771 umgibt einen großen Innenhof, dessen hinteres Tor in einen überraschend weitläufigen Garten führt. „Hier haben wir als Kinder Walnüsse gesammelt“, schwärmt Christa Biron, deren wache Augen die lebendige Erinnerung spiegeln. „Es war so schön sonnig und grün, obwohl wir hier direkt an den 1. Bezirk angrenzen.“ Heute lässt sich das Sonnige nur mit Fantasie nachvollziehen, nachdem die ursprüngliche, zweigeschossige Bausubstanz um drei Etagen aufgestockt wurde. „Devastiert“, verwüstet, wie Franz Biron mit feinem wienerischem Tonfall, aber kopfschüttelnd sagt.
In diesem Haus, das in den Annalen der Wiener Geschichte unter dem Namen Arche Noah geführt wird, konzentriert sich die Geschichte der Familie Hauschka. Rudolf Hauschka senior, Dr. Rudolf Hauschkas Vater, kaufte das Haus etwa 1903. „Sehen Sie dort, im ersten Obergeschoss straßenseitig, in der Beletage, verbrachten Onkel Rudi, Onkel Walter und meine Mutter ihre Kindheit.“ Im Hinterhof der Hausnummer 5 betrieb Rudolf Hauschka senior eine Metallschleiferei.
EINE SEHR GROSSE RESPEKTPERSON
Ihre erste Erinnerung an den Onkel? „Ich war noch sehr klein, als Onkel Rudi uns immer wieder in Wien besuchen kam. Er hatte eine eigene Art des Humors. Beim Karfiolessen¹ habe ich irgendetwas vom Strunk gesagt. Da tat er ganz entsetzt und sagte zu mir: Wie kannst du Strunk sagen, das heißt Strumpf!“ Der Spaß endete mit den Tränen der kleinen Christa, die der Onkel daraufhin in den Arm nahm. Eine sehr große Respektsperson sei er immer gewesen, die bei jeder Begegnung erneut erst auf Abstand blieb. Aber dieser Abstand schmolz nach kurzer Zeit des Zusammenseins und machte einer sehr schönen inniglichen Herzlichkeit Platz. „Wirklich lieb gewonnen habe ich ihn, als ich schon älter war und verstand, dass er oft Spaß machte. Er hatte immer eine sehr nette Art, einen auf etwas aufmerksam zu machen.“ Doch zu etwas gedrängt habe er sie nie. So akzeptierte er Christa Birons Distanz zur Anthroposophie ganz selbstverständlich. Und das, obwohl ihr Onkel durch den Kontakt zum Begründer der Anthroposophie, Dr. Rudolf Steiner (1861–1925), die zündende Idee für sein neues Arzneimittel- Herstellungsverfahren erhielt. Hauschka gründete 1935 – zusätzlich zu einem bestehenden Laboratorium in Wien – in Ludwigsburg bei Stuttgart sein erstes offizielles Labor zur Herstellung der WALA Arzneimittel, die mit diesem Verfahren hergestellt sind: auf Basis wässriger Heilpflanzenauszüge, bei denen die Naturrhythmen eine wesentliche Rolle spielen. Diese anthroposophischen Arzneimittel erfreuten sich so großer Nachfrage bei den Ärzten, dass die Ludwigsburger Räumlichkeiten schnell zu klein wurden und Rudolf Hauschka 1938 mit seinem Labor in größere Räume nach Dresden umzog. Im gleichen Jahr eröffnete er ein drittes Labor am Londoner Therapeutikum Kent Terrace.
3. STIEGE, 2. STOCKWERK, TÜR 28
Das Wiener Labor mit etwa 50 Quadratmetern Fläche befand sich im 2. Stockwerk des Hinterhauses der Piaristengasse 9, 3. Stiege, Tür 28, mit Blick auf den Garten. „Da gab es herrliche Flascherl in vielen Farben darinnen“, erinnert sich Christa Biron. Das Wiener Labor betreuten Dolores Heidland und Hedwig Sevinsky, die sehr gewissenhaft die Arzneimittel nach den rhythmischen Herstellungsverfahren von Rudolf Hauschka herstellten. „Ich durfte ab und zu mithelfen, zum Beispiel die Arzneiampullen zuschmelzen, was ein Privileg war“, erzählt Christa Biron. Denn normalerweise durfte niemand Fremdes das Labor, von dem kaum jemand etwas wusste, betreten. Die Globuli velati, Zuckerkügelchen mit Arzneimittel-Wirksubstanz, wurden in kleinen Pappschachteln verschickt, Etiketten wurden mit der Schreibmaschine getippt oder von Hand beschriftet. Die verarbeiteten Heilpflanzen stammten aus dem Prater oder von den umliegenden Wiesen. Rudolf Hauschka, der zeitweise in der Piaristengasse 9 wohnte, kam regelmäßig vorbei. Um das Labor vor dem Zugriff der NS-Regierung zu schützen, die alle anthroposophischen Einrichtungen 1941 schließen ließ, verheimlichte er dessen Existenz und ignorierte alle Meldepflichten. Erst nach dem Krieg erstattete ein ihm übelwollender Arzt Anzeige gegen das Labor, so dass Hauschka es Anfang der 1950er auflöste. Christa Biron und ihr Mann übernahmen daraufhin die Räumlichkeiten als Wohnung.
DANN IST ES AUF EINMAL WELTWEIT BEKANNT
Nach dem Krieg besuchten Christa Biron und ihr Mann einen Kurs über Anthroposophische Medizin von Rudolf Hauschkas Frau Dr. Margarethe Hauschka-Stavenhagen in Stuttgart und besichtigten auch die WALA in Eckwälden, wohin das aufstrebende Unternehmen 1950 gezogen war. „Die Räumlichkeiten waren zu dieser Zeit noch sehr einfach eingerichtet, mit Holzbottichen, in denen die Mitarbeiter von Hand rührten“, erinnert sich Franz Biron. Ein Laborraum war bereits mit einem verschiebbaren Glasdach ausgestattet, um dort die Belichtung im Zuge der Rhythmisierung durchführen zu können. So wie noch heute im so genannten Lichthof die WALA Mitarbeiter die Heilpflanzen-essenzen den natürlichen Polaritäten Licht/Dunkelheit, Wärme/Kälte sowie Ruhe/Bewegung aussetzen. Als die Birons das letzte Mal 1998 die WALA besuchten, war ihr Erstaunen umso größer. Aus dem familiären Betrieb, dessen Anfänge Christa Biron in Wien miterleben konnte, war ein großes Unternehmen mit imposantem, modernem Firmengebäude geworden. Dass heute mehr als 700 Mitarbeiter auf rund 25.000 Quadratmetern Fläche Arzneimittel und Kosmetik für etwa 40 Länder herstellen, erfüllt die Birons mit Freude.

DIE GESCHICHTE DER WALA
.....1935......
Firmengründung in Ludwigsburg bei Stuttgart; auch in Wien existiert ein Laboratorium
.....1938......
Umzug nach Dresden; Eröffnung eines Londoner Labors
.....1941......
Zwangsschließung des WALA Laboratoriums in Dresden durch das NS-Regime
.....1946......
Wiedereröffnung der WALA in München-Höllriegelskreuth
.....1950......
Umzug nach Eckwälden bei Stuttgart
.....1953......
Gründung der WALA OHG (offene Handelsgesellschaft)
.....1955......
Bezug des ersten eigenen Neubaus am Ortsende von Eckwälden
.....1979......
Aufteilung der WALA OHG in die Vertriebs- und Produktionsgesellschaft WALA Heilmittel GmbH sowie in die Besitzgesellschaft WALA-Heilmittel Dr.Hauschka OHG
.....1986......
Gründung der nichtgemeinnützigen WALA Stiftung als Nachfolgerin der OHG und alleinige Eigentümerin der WALA Heilmittel GmbH sowie Gründung der gemeinnützigen Dr.Hauschka Stiftung
.....1994......
Neubau am Ortsanfang von Eckwälden
.....1999......
Neubau der Laboratorien der Qualitätskontrolle
.....2002......
Erweiterungsbau am Ortsanfang von Eckwälden
.....2006......
Gründung der WALA North America, einer „Not for profit company“, d. h. eines Stiftungsunternehmens ähnlich der WALA Stiftung
.....2007......
Übertragung der Dr. Schaette GmbH – Hersteller natürlicher Tierarznei- und Pflegemittel – an die WALA
.....2008......
Einweihung des zweiten Erweiterungsbaus am Ortsanfang
.....2010......
WALA Heilmittel GmbH und WALA Arzneimittel feiern ihr 75. Jubiläum
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