Herr Professor Binswanger, angesichts der aktuellen Wirtschafts- und Vertrauenskrise: Wie müsste ein nationalökonomisches Modell aussehen, das tragfähig ist für die Zukunft?
In meinem Buch „Die Wachstumsspirale“* habe ich eine Theorie entwickelt, die von den herrschenden Lehrmeinungen insofern abweicht, als sie sowohl das Geld als auch die Natur als Produktivitätsfaktoren anerkennt. Erst wenn diese beiden Elemente Einzug halten in unser Wirtschaftssystem, werden wir es schaffen, Wachstum und Zukunft zu vereinbaren.
Wie könnte dieser Umgang mit Geld und Natur aussehen?
Fakt ist: Ohne Wachstum funktioniert unser heutiges Wirtschaftssystem nicht. Die Frage ist jetzt also: Wie gehen wir sinnvoll mit Wachstum um? Wie hoch müsste eine vernünftige Wachstumsrate sein? Nach meiner Ermittlung liegt die minimale globale Wachstumsrate unter den heutigen Bedingungen bei etwa 1,8 Prozent. Sie müsste aber noch weiter gesenkt werden. Sie müsste so weit gesenkt werden, dass der Mehrverbrauch von natürlichen Ressourcen mithilfe zusätzlicher Maßnahmen zur Erhöhung der Effizienz der Ressourcenverwendung auf null reduziert werden kann. Außerdem geht es darum, den Geldschöpfungsprozess so zu verändern, dass die spekulativen Möglichkeiten minimiert werden – und damit auch die Risiken einer Rezession aufgrund von geplatzten Spekulationsblasen.
Was kann denn der Verbraucher tun, um zu diesem System beizutragen?
Die Möglichkeiten des Konsumenten sind im Moment sehr eingeschränkt. Daher plädiere ich dafür, den Bürger in einen solchen Reformprozess zu integrieren. Und zwar indem die Zentralbanken allein zu „Geldschöpfern“ werden, die „Geldschöpfung“ einschränken und dieses Geld nicht mehr nur an die Geschäftsbanken abgeben, sondern auch direkt an die Bürger. Man kann sich das so vorstellen, dass jeder Bürger einen Betrag X bekommt und diesen dann regional gebunden oder gemeinnützig ausgeben kann. Das knüpft an die Idee eines Grundeinkommens an, allerdings wäre es kein steuerfinanziertes Grundeinkommen, sondern ein Zusatzeinkommen, das über eine zusätzliche Geldmenge geschaffen wird und so das Wachstum gewährleis-
tet. Hier in Sankt Gallen haben wir zurzeit so ein ähnliches Experiment: Aus dem Haushaltsüberschuss hat jeder Bürger 50 Franken in Form eines Gutscheins erhalten, der im Einzelhandel der Region auszugeben ist. Eine bürgergesteuerte Regionalisierung der Wirtschaft also, als Gegenpol zur Globalisierung.
Und welchen Beitrag können Unternehmen in diesem System leisten?
Wenn man das betrachtet, dann muss man Kritik üben an der Rechtsform der Ak
tiengesellschaft. Denn hier wird im Prinzip Geld verliehen, das nie zurückgezahlt wird – dafür gibt es dann einen Anteil vom Gewinn. Dies führt zu einem überhöhten Wachstumsdrang und zu spekulativen Ausuferungen. Ich schlage hier als Gegenmaßnahme unter anderem eine befristete Geltungsdauer von Inhaberaktien vor. Der Stellenwert von AGs sollte also eingeschränkt und die Alternativen sollten attraktiver gemacht werden, zum Beispiel die Personengesellschaften, Genossenschaften und Stiftungen. Insbesondere Letztere sind interessant, da sie ja nicht
nur gewinnorientiert sind, sondern auch einem Stiftungszweck verpflichtet.
Zudem weiß der Konsument, welche Philosophie hinter dem Produkt steckt, das
er kauft – das ist ja bei AGs nicht der Fall.
Zurück zur Natur. Sie bezeichnen die Natur als einen Produktivitätsfaktor, der nicht unmittelbar vom Menschen geschaffen, von diesem aber beeinflusst werden kann. Welchen Stellenwert muss die Natur im heutigen ökonomischen Gefüge haben?
Das Problem ist, dass unser herkömmliches Eigentumsverständnis für die Natur als Wirtschaftsfaktor nicht geeignet ist. Denn dieses Eigentumsverständnis beinhaltet nicht nur das Recht zum Gebrauch, sondern auch zum Verbrauch. Alles, was diesen Verbrauch abzumildern versucht – wie zum Beispiel der Umweltschutz – kommt daher immer einen Schritt zu spät. Ich plädiere daher dafür, dass eine gewisse ökologische Verpflichtung mit dem Eigentum einhergehen muss. Hinzu kommt, dass unser Sozialprodukt nicht als Einheit von verschiedenen Elementen gesehen werden sollte, denn es ist ja nicht gleichgültig, ob man sich eine Reise nach Hawaii leisten kann oder ob man genug Brot zu essen hat. Es gibt essentielle und nicht essentielle Teile des Sozialprodukts. Das ist zwar nichts Neues, die Frage ist aber, wie man damit umgeht. Auf jeden Fall muss unsere Ernährungsgrundlage sichergestellt werden.
Sie analysieren in Ihrem Buch „Geld und Magie“** die von Goethe geforderte Harmonisierung von „Besitz und Gemeingut“. Ist die Eigentumsfrage ein Kernaspekt für die Schaffung einer nachhaltigen Wirtschaftsordnung?
Bei Goethe geht es darum, dass man nicht Gewinn a priori als oberstes Ziel setzen soll und erst dann überlegt, wie man diesen Gewinn ausgibt, sondern dass man von vorneherein auf eine Gewinnmaximierung verzichtet, um auch soziale Pflichten auf sich zu nehmen. Goethe sagt konkret: Es ist nachhaltiger, weniger leistungsfähige Pächter zu beschäftigen, als im nachhinein Almosen an die Verarmten zu verteilen. Dasselbe lässt sich natürlich auch auf den Bereich der Ökologie anwenden. Was wir benötigen, ist also eine Profitoptimierung, nicht eine Profitmaximierung. _

DIE WICHTIGSTEN PUNKTE IN KÜRZE
Für ein menschen- und umweltgerechtes wirtschaftliches Wachstum
sind laut Prof. Binswanger folgende Aspekte ausschlaggebend:
Die Natur beziehungsweise der Naturverbrauch muss bei wirtschaftlicher Aktivität als Produktivitätsfaktor mit einbezogen werden
Durch ein zweckgebundenes „Bürgergeld“ wird die nötige Geldmenge
für Wachstum zur Verfügung gestellt
Der Einfluss der Aktiengesellschaften wird eingeschränkt, andere
Unternehmensformen werden gefördert
Die Nutzung von Eigentum soll an ökologische und soziale Zwecke
gebunden werden

Im September 2009 erschien von
Prof. Binswanger das Buch Vorwärts zur Mäßigung: Perspektiven
einer nachhaltigen Wirtschaft
Hamburg: Murmann 2009
250 Seiten, 16,00 Euro
ISBN: 978-3867740722
*Hans Christoph Binswanger
Die Wachstumsspirale: Geld, Energie
und Imagination in der Dynamik des
Marktprozesses
3. Auflage
Marburg: Metropolis 2009
434 Seiten, 24,80 Euro
ISBN: 978-3895187834
**Hans Christoph Binswanger
Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust
3. Auflage
Hamburg: Murmann 2009
168 Seiten, 19,90 Euro
ISBN: 978-3938017258 |