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Eine wichtige Geste: die anthroposophische Pflege
 

Der Mensch ist ein komplexes Wesen: Sein Wohlbefinden hängt nicht nur von der Erfüllung körperlicher, sondern auch von der Befriedigung geistiger und seelischer Bedürfnisse ab – eine simple und doch in der Pflegelandschaft immer wieder vernachlässigte Erkenntnis. Zunehmend trägt die anthroposophische Pflegekultur mit ihrem ganzheitlichen Ansatz dazu bei, die schulmedizinisch orientierte Pflege zu ergänzen und zu erweitern.

 

Marita Albers verteilt etwas Johanniskrautöl in ihren Händen und beginnt, behutsam mit den Fingern den Fußknöchel des alten Mannes zu umkreisen. Ruhig wiederholt sie die Bewegung einige Zeit lang. Dann nimmt sie den Fuß in beide Hände – die linke Hand liegt auf dem Fußrücken, die rechte unter der Fußsohle. Sachte lässt sie die Hände in Richtung der Zehen gleiten, hält einen Moment inne, löst die Berührung und deckt den Fuß schließlich mit einem Handtuch zu, bevor sie sich Reinhard Beckers anderem Fuß zuwendet. Der 82-jährige ist heute in sich gekehrt – es ist der Jahrestag der Hochzeit mit seiner verstorbenen Frau. Doch durch die angenehme Berührung, durch die stimmungsaufhellende Wirkung des Johanniskrautöls und durch die Wärme, die sich von den Füßen aus im Körper ausbreitet, löst sich Beckers Anspannung langsam: Die anthroposophische Pflege entfaltet ihre ganzheitliche Wirkung.

 

DAS SEELISCHE UND GEISTIGE DARF NICHT ZU KURZ KOMMEN
Leider lässt die aktuelle Situation des Pflegebereichs in Deutschland nicht immer so viel Raum für Zuwendung: „Die öffentlichen Gelder, die für Pflegeleistungen aufgebracht werden, werden zunehmend knapper. Uns Pflegenden bleibt leider in der Regel wenig Zeit für den einzelnen Menschen“, beschreibt Gerda Zölle, die bei der WALA für den Fachbereich Pflege verantwortlich ist, die Lage. Bei solch einem „Dienst nach Stechuhr“ ist die Gefahr groß, dass die Menschenwürde des Pflegebedürftigen auf der Strecke bleibt. Hier setzt die anthroposophische Pflege an: „Das Seelische und Geistige darf bei der Durchführung körperlicher Pflegehandlungen wie zum Beispiel dem Reinigen nicht zu kurz kommen“, so Zölle. Doch wie kann die Ansprache des Menschen auf diesen Ebenen trotz der knapp bemessenen Zeit überhaupt gelingen?

WICHTIG IST DAS "WIE" DER PFLEGE
Es ist die innere Haltung von Pflegenden, die den Unterschied macht: Denn nur indem ein Pflegebedürftiger wie Reinhard Becker das echte Interesse von Marita Albers an ihm und seiner Biographie spürt, entsteht die menschliche Nähe und Wärme, die für sein Wohlbefinden wichtig ist. Albers wiederum stimmt die Art und Weise, wie sie ihre pflegerischen Handlungen durchführt, auf Beckers individuelle Situation ab: Sie spricht ihn durch die Qualität ihrer Griffe und die ausgewählte Pflegesubstanz auch seelisch und geistig an – und verhilft ihm dank dieser pflegerischen Geste zu mehr Ausgeglichenheit.

PFLEGERISCHE GESTEN
Insgesamt sind es zwölf pflegerische Gesten, die die anthroposophische Pflege charakterisieren: Raum schaffen, schützen, entlasten, nähren, reinigen, aufrichten, bestätigen, erwecken, belasten, anregen, ausgleichen und hüllen. „Mangelt es einem Patienten mit niedrigem Blutdruck an Kraft und Motivation, so kann die pflegerische Handlung von der Geste des Aufrichtens geprägt sein“, erläutert Zölle. „Eine in kraftvollen Strichen ausgeführte Waschung mit anregendem Rosmarin weckt das Bewusstsein – und nimmt keineswegs viel Zeit in Anspruch!“

So ist ganzheitliche Pflege trotz personeller Engpässe kein Ding der Unmöglichkeit, sondern eine Frage der inneren Haltung des Pflegenden. Letztendlich ist es diese Haltung, die etwas ganz Wesentliches mit sich bringt – nämlich den Respekt vor der Intimität, der Würde und dem trotz physischer Beeinträchtigungen unversehrten Wesenskern des Pflegebedürftigen.

EINE ERFOLGSGESCHICHTE
Die anthroposophische Pflege kann heute auf eine beinahe 90-jährige Geschichte zurückblicken: Ihren Ausgangspunkt hat sie in der Gründung des „Klinisch therapeutischen Institutes“ 1921 in Arlesheim durch die Ärztin Dr. med. Ita Wegman. Mit der Einrichtung anthroposophischer Kliniken in den 1970er Jahren in Deutschland erfuhr die Bewegung einen Aufschwung: Heute erleben äußere Anwendungen eine Renaissance und der ganzheitliche Ansatz der anthroposophischen Pflege liefert wesentliche Anregungen für einen menschengemäßen Umgang mit Pflegebedürftigen und Sterbenden.

Weltweit arbeiten etwa 40 kleinere und größere Kliniken und Rehabilitationszentren mit dem Konzept der anthroposophischen Pflege. Für die häusliche Pflege bieten anthroposophisch orientierte Pflegedienste ihre Unterstützung an – ihre Zahl wächst kontinuierlich. _

 
Pfeil Text: Silke Röttgers
Pfeil Fotos: shutterstock, Arne Schneider
 
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AUSGABE 11 - 2010

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Editorial
Die Wechseljahre
Dr.Hauschka Med
Interview
Die Mittagsblume
Porträt Japan
Anthroposophische Pflege
 
 
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Download viaWALA 11
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