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Raum in der Seele schaffen
Friedrich Schiller hat die Menschheit mit dem Satz „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ aus den Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen an der Schlagader des Kulturschaffens berührt. Wo die Kunst des Spielens durch den bitteren Ernst des Lebens verdrängt wird, fallen feinste Blüten des Menschseins von uns ab, dies ist im Leben immer wieder zu spüren. Was aber ist unter der ‚Kunst des Spielens’ zu verstehen, und wie ist sie zu erlernen?
Paul Klee hat im Alter bekannt, sein ganzes Schaffen sei das Bemühen gewesen, als Künstler wieder so zu malen, wie er es als Dreijähriger einst vermocht habe. Wie hoch er seine Kinderbilder schätzte, beweist die Tatsache, dass Klee Retrospektiven über sein Werk mit Zeichnungen aus seiner frühen Kindheit zu eröffnen pflegte. Ist mit Schillers Spielbegriff also die Rückkehr zu den ersten spielerisch errungenen Fähigkeiten und Erlebnissen der Kindheit gemeint?
Der Lebensweg des Menschen ist eine von wehmütigen Blicken zurück in den Hafen des Kinderspiels umschleierte Schule der Entbehrungen. Wer als Erwachsener spielt wie ein Kind – unreflektiert, naiv, grausam mitunter, ohne den Blick für die Folgen seines Tuns –, schwört Scham und Verderben herauf. Wo falsch gespielt wird, bleibt das Menschliche aus. Goethes Faust ist dafür ein erschütterndes Beispiel. Das Spiel des Erwachsenen muss die kindliche Schuldlosigkeit unter Verzicht auf das schnelle Glück restlos verwandeln. Dies ist unendlich schwer.
Schiller selbst fiel alles leichter als das Spielen. Von körperlichen Gebrechen gepeinigt und von Geldnöten verfolgt, überdies mit unkünstlerischer Philosophenbegrifflichkeit beladen, war er nicht für den Zeitvertreib mit Spielen geschaffen. Es bedurfte der Begegnung mit J. W. v. Goethe, um über diesen Missstand hinwegzukommen.
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Der Mensch findet in sich
selbst den Ort, von welchem
aus er die Welt gestaltet
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Goethe antwortete auf Schillers Briefe mit dem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Darin sind, wie Katharina Mommsen feinsinnig dargelegt hat, Fingerzeige für Schiller versteckt, die den Freund darauf hinwiesen, dass er sein Leben nicht wirklich künstlerisch gestaltet habe, weil es viel zu sehr vom Theoretisieren über die Kunst und das Spielen überschattet sei. Was sich Goethe bereits als Dreißigjähriger auf die Fahne seiner eigenen Biographie geschrieben hatte, nämlich durch Selbsterziehung die Pyramide der eigenen Existenz so hoch wie möglich in die Luft zu spitzen (in einem Brief an Lavater, 20. Sept. 1780), dies forderte er nun auch von Schiller. Nicht reden über die Aufgabe der neuen Kunst, die sich im Spiel entäußert, sondern diesem Neuanfang Raum in der Seele schaffen, das war Goethes stille Botschaft an Schiller, welcher diese sofort verstand und sein Leben änderte.
Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung und Goethes Märchen sind 1795 in Schillers Zeitschrift Die Horen erschienen. Sie dürfen als die moralischen Hauptwerke der beiden Dichter und als Keimzelle und Quellort des Deutschen Idealismus bezeichnet werden. Dieser Idealismus weist auf zwei Momente hin. Einmal verlegt er die Entwicklung des Menschen in sein Inneres, wo der Einzelne freudvoll und mit Interesse, eben spielerisch, sich selber begegnet. Gleichzeitig fordert er die Bewegung nach außen, wo ein Einzelner nicht hilft, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt (Goethe).
Der Mensch, welcher diesen Weg geht, findet in sich selbst den Ort, von welchem aus er die Welt gestaltet. Er hört auf, die Strahlen fremder Vernunft zurückzuwerfen, denn er soll, gleich einem Sonnenkörper, von seinem eigenen Lichte strahlen (Schiller). Das Licht des im Spiegel der anderen sich entwickelnden Individuums leuchtet nicht wie ein Naturgesetz, auch nicht wie das natürliche Glück des Kinderspiels – es strahlt vielmehr wie eine Sonne, die umso gediegener scheint, je liebevoller die Selbsterziehung ergriffen wird.
Pfeil Text: Albert Vinzens
Fotos: creativ collection
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Albert Vinzens ist Philosoph, promovierte über Friedrich Nietzsche, arbeitet als Dozent
am Rudolf Steiner Institut Kassel und ist Vater von vier Kindern.
 
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AUSGABE 04 - WINTER 2005
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Editorial
Das geht in die Haut
Die Kraft pflanzlicher Öle
Kleine braune Flaschen
Der Wärmeorganismus
WALA Apotheke
Pflanzenportrait
Georgien
Menschenwege
Inseln der Ruhe